
Schnurrhaare der Katze:
Funktion, Bedeutung und Whisker Fatigue

Wenn ich schlafe, kommt Alice manchmal ganz nah an mein Gesicht. Dann kitzeln ihre Schnurrhaare über meine Haut. Sie scheint mich kurz zu prüfen. Was genau sie dabei wissen möchte, bleibt ihre Sache.
Wie unsere Katzen ihre Schnurrhaare einsetzen, habe ich bisher ehrlich gesagt kaum bewusst beobachtet. Sie waren einfach da und gehörten zum Katzengesicht.
Dabei sind die Schnurrhaare der Katze keine etwas länger geratenen Fellhaare.
Sie gehören zu einem empfindlichen Tastsystem und haben sogar einen eigenen Fachbegriff: Vibrissen.
Ich habe deshalb nachgelesen, wie sie funktionieren und was Alice damit überhaupt wahrnehmen kann.
Der empfindliche Teil eines Schnurrhaars liegt unter der Haut
Im sichtbaren Schnurrhaar selbst verlaufen keine Nerven.
Es besteht aus Keratin, genau wie das übrige Fell.
Der empfindliche Teil liegt unter der Haut. Dort sitzt jedes Schnurrhaar in einem besonderen Haarfollikel. Dieser reicht deutlich tiefer als der Follikel eines gewöhnlichen Fellhaars.
Er enthält blutgefüllte Sinusräume und ist von vielen Nervenendigungen umgeben.
Streicht Alices Schnurrhaar über mein Gesicht, wird es leicht bewegt.
Diese Bewegung reicht bis zur Haarwurzel.
Dort wird der Reiz aufgenommen und an das Nervensystem weitergegeben.
Das lange Haar erweitert also den Bereich, den Alice ertasten kann.
Sie muss mit ihrer Nase noch gar nicht an ein Hindernis stoßen. Ihr Schnurrhaar hat es vorher berührt.
Welche Funktion haben die Schnurrhaare einer Katze?
Schnurrhaare reagieren auf Berührung. Auch feine Luftbewegungen können sie leicht auslenken.
Dadurch bekommt eine Katze zusätzliche Informationen über alles, was sich unmittelbar vor ihrem Gesicht befindet. Das hilft ihr bei wenig Licht und in dem Bereich direkt vor ihrer Schnauze, in dem die Augen allein nicht mehr besonders hilfreich sind.
Schnurrhaare werden deshalb gern mit einem Radar verglichen. Ganz richtig ist das nicht.
Ein Radar sendet Signale aus und empfängt sie wieder. Vibrissen senden nichts aus.
Sie reagieren auf Bewegung und Berührung.
Besonders wichtig ist das im Nahbereich. Befindet sich etwas direkt vor dem Maul oder zwischen den Vorderpfoten, liefern die Tasthaare zusätzliche Informationen über seine Lage und Bewegung.
Auch bei einer Wohnungskatze ist dieses System vollständig vorhanden.
Alice braucht es vielleicht nicht für die Mäusejagd im hohen Gras. Sie nutzt es trotzdem beim Erkunden, beim Spielen und überall dort, wo etwas sehr nah vor ihrer Nase geschieht.
Was sie wahrnimmt, wenn sie mir mit ihren Schnurrhaaren durchs Gesicht fährt, kann ich daraus trotzdem nicht ableiten. Ich weiß jetzt nur, dass diese Berührung für sie deutlich mehr Informationen enthält als für mich das bloße Kitzeln auf der Haut.
Wenn Alice das nächste Mal prüfen kommt
Wenn Alice mir das nächste Mal im Schlaf mit ihren Schnurrhaaren durchs Gesicht fährt, werde ich noch immer nicht wissen, was sie bei mir prüft.
Ich weiß jetzt aber, wie viel Wahrnehmung in diesen feinen Haaren steckt.
Das Kitzeln in meinem Gesicht ist für Alice vermutlich eine viel intensivere Berührung, als ich bisher gedacht habe.
Whisker Fatigue (Schnurrhaarstress): Stören enge Näpfe die Schnurrhaare?
Bei meiner Recherche bin ich auf den Begriff Whisker Fatigue gestoßen.
Damit ist die Vermutung gemeint, dass der häufige Kontakt der Schnurrhaare mit einem tiefen oder schmalen Napfrand für manche Katzen unangenehm sein könnte.
Wissenschaftlich ist das bisher nicht eindeutig belegt. In einer kleinen Untersuchung fraßen Katzen aus einem flacheren Napf weder mehr noch länger. Einige bevorzugten ihn trotzdem.
Unsere Katzen ziehen ihr Futter gelegentlich mit dem Maul oder der Pfote vom Teller und fressen daneben. Die Teller sind jedoch flach, breit und nur leicht nach oben gewölbt.
Das Verhalten allein kann daher kein verlässlicher Hinweis auf Schnurrhaarstress sein.
Benutzt eine Katze einen Napf offensichtlich ungern, kann man eine breitere Schale oder einen flachen Teller ausprobieren.
Verändert sich das Fressen oder Trinken dauerhaft, sollten auch andere mögliche Ursachen berücksichtigt werden.
Neben dem Napf spielt natürlich auch das Katzenfutter selbst eine wichtige Rolle.

