
Drei kleine Stimmen
in Andershall

Am 1. April brachte Alice drei wundervolle Kitten zur Welt.
Veyra hatte die Zeit ungefähr ausgerechnet. Ende März oder in der ersten Aprilwoche musste es so weit sein. Deshalb hatte sie sich freigenommen. Sie wollte in der Nähe bleiben, falls Alice sie brauchen würde.
Es war noch früh, gegen 5.15 Uhr, als Veyra aufwachte. Aus dem Nebenzimmer kam ein aufgeregtes Maunzen. Sie war sofort wach, sprang aus dem Bett und lief zu Alice. Noch bevor sie im Zimmer war, hörte sie ein dünnes, lautes Quieken.
An der Heizung lag ein kleines, nasses, schwarzes Etwas. Es fiepte, fror und wirkte vollkommen hilflos. Alice musste das erste Baby in ihrer Aufregung dort abgelegt haben. Vielleicht war alles schneller gegangen, als sie selbst verstanden hatte. Vielleicht hatte sie es nicht mehr bis zur Geburtskiste geschafft.
Veyra kniete sich zu ihr auf den Boden. „Ich bin da, Alice“, sagte sie leise. Alice war sichtbar aufgeregt.
Es war ihre erste Geburt, ihr erstes Baby lag schon da, und in ihrem Körper ging es weiter.
Als Veyra neben ihr blieb und ruhig sprach, wurde Alice etwas stiller. Dann sprang sie plötzlich in den Spieltunnel. Ausgerechnet in den Spieltunnel. Die Geburtskiste stand bereit, weich, warm und vorbereitet. Alice entschied sich trotzdem für den Tunnel. Katzen haben eine besondere Begabung dafür, menschliche Planung freundlich zu ignorieren.
Veyra nahm eines der bereitgelegten Handtücher. Sie hob das erste Baby vorsichtig hoch und trocknete es behutsam ab. Es war pechschwarz, die Augen und Ohren noch ganz klein und geschlossen. In Veyras Händen lag ein neues Leben, kaum größer als ein warmer Atemzug. Sie deckte es mit dem Handtuch zu und hielt es nah bei sich, damit es warm wurde. In diesem Moment war es um sie geschehen.
Mit dem kleinen schwarzen Bündel setzte sie sich zu Alice auf den Boden. Alice lag im Tunnel und schaute immer wieder durch die obere Öffnung heraus. Ihr Blick suchte Veyra, und Veyra blieb bei ihr.
Dann hörte sie wieder ein Quieken. Das zweite Baby war da. Der Kopf war bunt, der kleine Körper wirkte auf den ersten Blick dunkel. Dieses Mal kümmerte Alice sich selbst. Sie leckte das Kleine sauber, ruhig und gründlich. Danach biss sie die Nabelschnur durch. Veyra sah noch einmal auf das erste Baby in ihren Händen. Auch dort war die Nabelschnur sauber durchgebissen. Alice hatte sich also schon um ihr erstes Baby gekümmert, obwohl sie so aufgeregt gewesen war.
Kurz darauf erschien im Tunnel ein weißer Kopf. Veyra beugte sich vorsichtig etwas näher und schaute nach, ob alles in Ordnung war. Nach und nach kam das dritte Baby zur Welt. Es sah fast ganz weiß aus, hell und zart zwischen Tunnel, Handtuch und Alices Fell.
Alice putzte auch dieses Baby. Sie machte alles sauber, biss die Nabelschnur durch und legte sich dann erschöpft hin. Veyra nahm das erstgeborene Kitten und legte es vorsichtig an Alices Bauch. Die beiden anderen setzte sie dazu. Kleine Mäulchen suchten, fanden und begannen zu trinken.
Dann sah Alice Veyra kurz an. Dieser Blick blieb. Da war etwas Weiches darin, Erleichterung vielleicht, Vertrauen, vielleicht auch ein kleines Danke, so wie Katzen es sagen, wenn sie nicht sagen müssen.
Veyra spürte, wie warm ihr ums Herz wurde. Sie war dankbar, dass sie dabei sein durfte, und stolz auf Alice. Alice war noch so jung. Man hatte ihr vorher kaum angesehen, dass sie bald Mutter sein würde.
Und nun lag sie da, mit drei kleinen Leben an ihrem Bauch, müde und wach zugleich.
Veyra blieb noch eine Weile bei ihr. Dann ging sie leise in die Küche und bereitete einen Teller mit proteinreichem Futter vor. Alice würde jetzt viel Kraft brauchen, für sich selbst und für die Kleinen.
Nach einer Weile stand Alice auf und fraß. In dieser Zeit holte Veyra die Kitten vorsichtig aus dem Tunnel und legte sie in die selbstgebaute Geburtskiste. Dort war es warm, geschützt und weich.
Alice kam zurück, rieb sich an Veyra, stieg in die Kiste und legte sich wieder zu ihren Babys.
Dann seufzte sie einmal, zufrieden und erschöpft zugleich.
Veyra blieb vor der Kiste hocken und lauschte dem leisen Schmatzen der Kitten. Der Raum war still geworden. Draußen begann der Morgen. Drinnen lag Alice mit ihren drei Kindern, und Veyra spürte eine Verbundenheit, die sie so noch nie erlebt hatte.
Nach einer wahren Begebenheit.

